Andacht

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Foto: © Klaus Steinike

Pfarrer Ulrich Kastner

Copyrighthinweis: Text: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart - Grafik: © GemeindebriefDruckerei

Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh 20,29)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Es gibt Gespräche, die vergisst man nicht.

Während meiner Ausbildung führte ich ein Trauergespräch mit der Familie eines jungen Verstorbenen. Ein plötzlicher Tod, eine Familie, die zurückbleibt und viele unausgesprochene Missverständnisse. Mittendrin immer wieder dieser Satz:

„Hören heißt nicht verstehen. Und verstehen heißt nicht tun.“

Es war sein Satz gewesen. Ein Lebensmotto. Klar, fast nüchtern – und doch voller Tiefe.

Wir saßen beieinander mit dem, was nicht zu verstehen ist. Ein junger Mensch stirbt. Pläne enden. Beziehungen reißen ab. Zurück bleiben Fragen, für die es keine schnellen Antworten gibt. In solchen Momenten merke ich: Worte sind zerbrechlich. Man kann von Hoffnung sprechen, von Auferstehung, vom ewigen Leben. Man kann Sätze sagen, die theologisch tragfähig sind. Aber das Herz braucht Zeit. Hören heißt nicht verstehen.

Und selbst wenn etwas verstanden wird – es wird nicht automatisch zur inneren Gewissheit. Der Schmerz widerspricht. Die Leere ist real.

Gleichzeitig leben wir in einer Welt, die uns täglich mit Bildern der Erschütterung konfrontiert. Der Krieg in der Ukraine dauert an. Die Gewalt im Nahen Osten bringt unermessliches Leid. Wir hören die Nachrichten, wir verstehen die politischen Zusammenhänge – und fühlen uns doch oft hilflos. Auch hier: Zwischen Wahrnehmen und Handeln liegt eine schmerzliche Distanz.

In diese Erfahrung hinein klingt das Wort Jesu aus dem Evangelium nach Johannes:

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Wenn ich diesen Satz im Kreis der Hinterbliebenen lese, dann klingt er anders als in einer theologischen Vorlesung. Er ist kein Tadel für Zweifelnde. Er ist kein Appell, sich zusammenzureißen. Er ist eine behutsame Zusage. Jesus kennt die Sehnsucht nach Gewissheit. Thomas wollte sehen und berühren. Und auch wir möchten sehen: dass unsere Toten geborgen sind. Dass das Leid der Welt nicht sinnlos ist. Dass Gott wirklich da ist.

Doch der Glaube lebt oft im Nicht-Sehen. In der Dunkelheit eines Krankenzimmers. In der Stille nach einer Beerdigung. Im ohnmächtigen Blick auf die Nachrichtenbilder.

Er lebt nicht aus Beweisen, sondern aus Beziehung. Aus dem Vertrauen, dass Gott uns sieht – auch wenn wir ihn nicht sehen.

Glaube ist kein Zustand, den man herstellt. Er ist auch kein moralisches „Tun“, das man einfach vollzieht, wenn man genug verstanden hat. Glaube ist ein Sich-Halten-Lassen. Ein tastendes Bleiben im Gespräch mit Gott. Manchmal ist er nicht mehr als ein Seufzer. Manchmal nur ein „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben.“

„Selig“ – das heißt: von Gott angesehen, von Gott getragen. Nicht erst dann, wenn wir innerlich zur Ruhe gekommen sind. Nicht erst dann, wenn wir alles verstanden haben. Sondern mitten im Ringen.

In dem Trauergespräch war am Ende keine fertige Antwort. Aber es war ein Moment der Stille, in dem wir gemeinsam aushielten, was offenbleibt. Vielleicht ist genau dort der Ort des Glaubens: nicht im lückenlosen Verstehen, sondern im Vertrauen, dass Gott selbst dort bleibt, wo wir nichts mehr sehen.

Selig sind, die nicht sehen – und doch glauben.

Selig sind die, die weinen.

Denn sie sind Gott näher, als sie ahnen.


Ihre Pfarrerin

Dr. Lillia Milbach-Schirr



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